Die dunkle Welle

Ein wunderschöner Tag in der Hafenstadt ging allmählich zu Ende ... und nichts hatte sich geändert!
Zumindest aus Don Estebans Sicht.
Der schon recht alte Herrscher der Insel saß in einen grünen Mantel gehüllt auf dem Balkon seiner Villa und sah auf das Händlerviertel hinab, während er etwas Braukraut rauchte. Erneut sah er zu, wie sich die Läden schlossen, wie die Menschen langsam ihre Gespräche beendeten und nach Hause gingen, wie die Stadtwache abtrat und ein neuer Bursche den Dienst verrichtete ...
Es war doch immer dasselbe! Tagein, tagaus gab es nichts Neues in der Stadt, jeder ging seinem gewohnten Tagesablauf nach, Weasel schloss die Krautgeschäfte erfolgreich ab, Delgado kassierte Schutzgeld in der Gosse, Cid brach gelegentlich unbemerkt in ein paar Häuser ein um neue Ware für seine Hehler zu besorgen, die Jäger standen jeden Morgen früh auf und kamen am Mittag mit genügend Fleisch und Fellen in die Stadt zurück um die Fleischerei und den Fellhandel voranzutreiben. Alles lief wie immer ab und das ärgerte ihn.
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Doch es war nicht wirklich der monotone Tagesablauf in der einzigen Stadt auf dieser Insel, was den Don aufregte, sondern es war der Mangel an Gold.
Zwar besaß der Banditenkönig ein großes Vermögen, durch Erpressung und illegalen Handel zusammengetragen, jedoch gab es einfach nicht viel Wertvolles auf dieser Vulkaninsel, was seine Geschäfte noch weiter vorantreiben konnte.
Die Leute auf dieser Insel waren einfach viel zu arm, die Bauern außerhalb der Stadt waren zwar eine rentablere Einnahmequelle als die Gosse, jedoch war es nicht genug für ihn! Außerdem hatte er ohnehin das Gefühl, dass selbst seine eigenen Handlanger so manche Beute unterschlagen hatten, auch wenn Scordo ihm versicherte, dass es keiner wagen würde, sich gegen ihn, den großen Don, aufzulehnen. Vielleicht sollte er demnächst mal Nachforschungen anstellen ...
Bevor er den Gedanken zu Ende bringen konnte wurde seine Aufmerksamkeit von einer etwas älteren, aber immer noch recht hübschen Frau gestört. Es war seine Frau Rachel, sie trug wie immer ein schlichtes hellbraunes Kleid und darüber eine dunkelbraune Weste, welche ihre schlanke Figur betonte. Langsam ging sie auf ihn zu und küsste ihn zärtlich auf die rechte Wange, die Hand des Dons fuhr über ihr schon an manchen Stellen ergrautes Haar. Schließlich setzte sie sich neben ihren Mann und sah ihn besorgt an. „Was zum Gyrger ist mit dir los?“, fragte sie mit einem traurigen Unterton in ihrer Stimme. „Du bist generell in letzter Zeit etwas mürrisch. Deine Jungs fragen sich schon wo du steckst, Scordo sitzt die ganze Zeit gemütlich in Sonjas Bordell und versucht so zu tun als ob alles in bester Ordnung wäre.“
„Der Kerl vertrödelt doch so oder so den ganzen Tag.“, schimpfte Esteban und ballte dabei die rechte Hand zur Faust. „Vielleicht arbeitet er mal etwas schneller, wenn ich ihm Brogar in den Lagerraum schicke. Genauso gut könnte ich jetzt runtergehen und -“
Er wurde von Rachel unterbrochen. Außer ihr durfte das niemand und selbst ihr wurde dieses Privileg nur selten erlaubt! Aber es kam auch nicht alle Tage vor, dass sie es tatsächlich nutzte ...
„Erst mal möchte ich wissen, was dich bedrückt, mein Don.“, sprach sie mit tiefem Ernst in ihrer Stimme. “Sind es die Geschäfte oder ist es wegen Kapitän Romanov? Ich gebe zu, er hätte schon längst hier auftauchen sollen, aber wenn er und seine Crew bisher noch nicht erschienen sind, dann muss es einen guten Grund dafür geben.“ Sie machte eine kurze Pause und hoffte, dass ihr Mann sie nicht schlagen würde für ihr Vergehen. Nichts dergleichen geschah.
„Es ist nicht Romanov.“, seufzte der Don schwermütig und warf den Krautstengel weg. „Im Moment passiert einfach zu wenig, mein Schatz, viel zu wenig. Alles geht seinem gewohnten Tagesablauf nach und mein Vermögen steigt dadurch auch nicht wirklich. Und das Volk wird durch die Armut auch nicht zufriedener, erst letztens wurden mir wieder Unruhen in der Gosse gemeldet. Wenn es so weitergeht wie in den letzten Monaten, könnte ich viel Macht verlieren und möglicherweise meinen Kopf, wenn es nicht bald wieder aufwärts geht.“
Er sah ihr kurz in die Augen und schaute dann in Richtung Westen. Die Sonne ging langsam unter und färbte die Vulkaninsel in ein rot-goldenes Licht. Ein leichter Wind fegte durch die Gassen und ließ die Palmen ein wenig schwanken. Der Ozean erstreckte sich endlos bis zum Horizont und funkelte in einem orangenen Licht. Kleine Wellen klatschten leise gegen die Hafenmauern, das Rauschen des Meeres wurde nur durch das Gekreische der Seemöwen übertönt.
„Du kannst nichts dagegen machen“, meinte sie schließlich und hielt ihn an der Schulter fest. Der Don stand auf und Rachel tat es ihm gleich. „Morgen wird sich bestimmt alles ändern.“ Don Esteban nickte und legte seinen rechten Arm um ihre Hüfte.
„Vielleicht hast du recht ...“, murmelte er leise und küsste sie dann auf den Mund. Sie erwiderte den Kuss und umschlang ihn langsam. Der Tag ging nun langsam dem Ende zu ...
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Plötzlich zeriss ein unmenschlich lauter Knall die Stille und ließ die beiden aufschrecken! Auf einmal verdunkelte sich der Himmel schlagartig, sofort fing es an wie aus Eimern zu gießen.
„Was, beim Gyrger-“, begann Don Esteban, verstummte jedoch als Blitze den Himmel erleuchteten und die Erde zu beben anfing. Der Wind, der eben noch ziemlich ruhig über die Insel geweht hatte, wurde nun zu einem richtigen Sturm, der fauchend die Hafenstadt erfasste. Wie wütende Wassergeister preschten die Wellen nun gegen die Kaimauer, Schiffe wurden aus ihrer Verankerung gerissen und teilweise umgeworfen. Rachel schrie und bat ihren Mann, dass sie in den Lagerraum fliehen sollten. Der alte Mann schickte sie jedoch mit einer Handbewegung weg und sah weiterhin ungläubig auf die Hafenstadt hinab. Mittlerweile rannten die Stadtwachen in heller Aufregung durch die Straßen, Leute schrien, einige Kühe und Hühner liefen panisch umher. Lebensmittel, Körbe und Kisten wurden vom Sturm umgerissen, mehrere Palmen wurden von dieser Naturgewalt aus der Erde gerissen. Und das Beben wollte nicht enden, Panik brach in der Hafenstadt aus! Die Welt schien unterzugehen.
Plötzlich wurde Don Esteban geblendet und mit vorgehaltener Hand sah er zum Himmel hinauf. Er glaubte ein Netzwerk aus mysteriösen Lichtern über der Wolkendecke zu erkennen, doch es war so schnell wieder verschwunden, dass er es für eine Einbildung hielt. Schnell flüchtete er in seine Villa, lief wie vom Gyrger gehetzt die Treppe hinunter und erreichte nach kurzer Zeit sein Arbeitszimmer. Er sah in Richtung Geheimgang und dann aus dem Fenster. Kurz glaubte er Umrisse einer gigantischen Gestalt auszumachen, als wieder ein Blitz einschlug, doch schon waren diese auch wieder verschwunden. Esteban verdrängte die Überlegung und lief die Treppe hinunter.
Was ging hier vor, fragte er sich ängstlich. Nur eins wurde ihm sofort klar:
Sein jetziges Leben würde sicher nicht mehr so sein wie es früher war!
~ Idee & Story von KelThuzad.

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